Verständlichkeit von AGB

Ausbruch aus dem Sprach-Keller bleibt die absolute Ausnahme

Die meisten Finanzinstitute im deutschsprachigen Raum verfassen ihre Geschäftsbedingungen auf akademischem Spitzenniveau. Lediglich ein Spezialfinanzierer durchbricht diese Hürde leicht – doch auch hier bleibt die erhoffte Verbrauchernähe aus.

11. August 2026 · WORTLIGA-Redaktion · Finanzen · aus der Studie


Symbolbild: Ausbruch aus dem Sprach-Keller bleibt die absolute Ausnahme
Symbolbild: WORTLIGA

Die Bemühungen um verbraucherfreundliche Sprache im Finanzsektor zeigen in den rechtlichen Rahmentexten bislang kaum Wirkung. Eine aktuelle Auswertung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) großer Banken im DACH-Raum (Datenstand: Dezember 2023) belegt: Fast alle Vertragstexte verharren auf dem höchsten und schwersten Sprachniveau. Lediglich ein einziges Institut schafft einen minimalen Aufstieg in der linguistischen Bewertung – offenbart dabei jedoch, wie tief verwurzelt das Branchenproblem tatsächlich ist.

Spezialfinanzierer durchbricht als einzige Bank die C2-Grenze

Die Auswertung zeichnet ein überaus einheitliches Bild der sprachlichen Hürden. Von den insgesamt 37 geprüften AGB großer Finanzinstitute liegen 36 Dokumente (das entspricht rund 97 % der untersuchten Texte) auf dem Niveau C2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER). Dieses Level erfordert nahezu muttersprachliche, akademische Textkompetenz und überfordert den durchschnittlichen Verbraucher im Alltag maßgeblich.

Nur exakt 1 von 37 AGB (etwa 3 % der Grundgesamtheit) – nämlich jene der Landwirtschaftlichen Rentenbank – erreicht das minimal leichtere Niveau C1. Interessant ist hierbei die methodische Zusammensetzung: Während etwa Spitzenreiter im Ranking einen leicht besseren Lesbarkeitsindex aufweisen, punktet die Landwirtschaftliche Rentenbank bei der GER-Einstufung, die stark auf Satzlänge und Wortgebräuchlichkeit achtet. Doch selbst dieses C1-Niveau verfehlt das eigentlich angestrebte Ziel: Ein B2-Level, das für eine breite Verbraucherverständlichkeit nötig wäre, sucht man bei allen 37 Instituten vergebens.

Juristische Absicherung verdrängt den redaktionellen Feinschliff

Dass nahezu die gesamte Branche im C2-Keller feststeckt, liegt an festgefahrenen textlichen Strukturen. Oft dominiert das Streben nach unanfechtbarer juristischer Absicherung zulasten der Leserschaft. Texte werden von Juristen verfasst, jedoch im Nachgang fast nie von einer Fachredaktion für Laien übersetzt und aufbereitet.

Die Folge sind Dokumente, die das Arbeitsgedächtnis der Kunden extrem belasten. Ein massiver Einsatz von Nominalstil und Passivkonstruktionen entzieht den Texten jegliche Handlung und Klarheit. Unzählige Schachtelungen und Querverweise zwingen Verbraucher zudem zum Mehrfachlesen. Dieses Phänomen ist kein reines Bankenproblem, verdeutlicht aber eindrücklich, wie Banken und Rechtsprechung komplexe Sprache unbewusst als Distanzinstrument nutzen.

Rechtssicherheit und klare Sprache schließen sich nicht aus

In der Branche hält sich hartnäckig der Glaube, dass rechtlich bindende Texte zwangsläufig kompliziert formuliert sein müssten. Die sprachliche Analyse zeigt jedoch: Rechtliche Prüfung bleibt zwar die zwingende Aufgabe von Juristen, doch die sprachliche Klarheit ist parallel dazu organisierbar.

Eine Lösung bietet das Prinzip der gestuften Information ("Layered Information"). Hierbei wird dem Kunden zunächst eine verständliche Kurzfassung in klarer Sprache präsentiert, während die detaillierte Rechtsgrundlage für den Ernstfall auf einer tieferen Ebene hinterlegt wird. Zudem bedarf es harter redaktioneller Leitplanken – etwa einer strikten Deckelung der Satzlängen anstelle der Maxime, ein Satz müsse "so lang wie nötig" sein.

Handlungsdruck wächst durch neue Vorgaben

Institute, die weiterhin auf extrem komplexe Formulierungen setzen und ihre Texte nur intern freigeben lassen, anstatt sie mit echten Kundinnen und Kunden zu testen, riskieren bald mehr als nur Imageschäden. Mit dem European Accessibility Act verschärfen sich bis Mitte 2025 die Anforderungen an die zugängliche Aufbereitung von Verbraucherinformationen massiv.

Wer jetzt Sprachniveaus misst, Ziel-Level wie B2 definiert und Texte umschreibt, gewinnt wertvolle Zeit. Andernfalls droht unverständliche Sprache schnell zum handfesten Compliance-Risiko zu werden, denn Lesbarkeit wird zunehmend zum harten Accessibility-Faktor in der digitalen Wirtschaft.


Alle weiteren Ergebnisse, Benchmarks der Länder sowie die detaillierte Methodik zur Auswertung der Geschäftsbedingungen finden Sie in der vollständigen Studie Wie verständlich informieren Banken im DACH-Raum?.