Studie · Finanzen
Wie verständlich informieren Banken im DACH-Raum?
37 AGB im Check: Keine Bank erreicht B2 – Raiffeisen Schweiz führt mit 30 Prozent Lesbarkeit, Österreich bildet das Schlusslicht.
4. Dezember 2023 · Eine Untersuchung der WORTLIGA-Redaktion
Der European Accessibility Act verpflichtet Banken, Verbraucherinformationen bis Mitte 2025 verständlicher zu gestalten. B2 und ISO-Einfache-Sprache rücken näher. WORTLIGA prüfte 37 AGB im DACH-Raum. Stand: 04.12.2023. Fazit: Keine Bank scheint vorbereitet – die verständlichsten Bedingungen liegen in der Schweiz, die schwächsten in Österreich.
Fast alle geprüften Bankenbedingungen liegen auf C2-Niveau. Nur die Landwirtschaftliche Rentenbank erreicht C1. Keine AGB liegt auf B2 – dem Niveau, das für breite Verbraucherverständlichkeit angestrebt wird. Die beste Lesbarkeit erreicht Raiffeisen Schweiz mit 30 %, die schlechteste Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien mit 9 %. Länder-Mittel: Schweiz ~21 %, Deutschland ~18 %, Österreich ~14 %.
Executive Summary
Rechtstexte erreichen selten journalistisches Niveau – die gemessene Komplexität sprengt dennoch jedes Maß für Verbrauchertexte. Sätze mit 90 Wörtern sind keine Ausnahme.
Regulatorischer Druck
Bis Mitte 2025 verschärfen sich die Anforderungen an zugängliche Verbraucherinformation. Banken müssen damit rechnen, dass unverständliche AGB und Produkttexte nicht nur reputationsschädlich, sondern auch compliance-relevant werden. Die Debatte der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) und barrierefreie Digitalangebote erhöhen den öffentlichen Druck zusätzlich.
Diese Studie liefert eine Bestandsaufnahme: Wo stehen die größten Häuser im DACH-Raum – und wie weit ist der Weg zu B2?
Kennzahlen und Ländervergleich
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Geprüfte AGB | 37 |
| Beste Lesbarkeit | Raiffeisen Schweiz 30 % |
| Schlechteste Lesbarkeit | RLB NÖ-Wien 9 % |
| Ø Schweiz | ~21 % |
| Ø Deutschland | ~18 % |
| Ø Österreich | ~14 % |
| AGB auf B2 | 0 |
| AGB auf C1 | 1 (Landwirtschaftliche Rentenbank) |
| AGB auf C2 | 36 |
Die Schweiz führt im Schnitt, Österreich bildet das Schlusslicht. Deutschland liegt dazwischen – ohne dass ein großes Retail-Haus den Sprung aus dem C2-Keller schafft.
Ranking (Auszug)
| # | Bank | Niveau | Lesbarkeit |
|---|---|---|---|
| 1 | Raiffeisen Schweiz | C2 | 30 % |
| 2 | LBBW | C2 | 24 % |
| 3 | Helaba | C2 | 24 % |
| 4 | Luzerner Kantonalbank | C2 | 24 % |
| 6 | Landwirtschaftliche Rentenbank | C1 | 23 % |
| 33 | Deutsche Bank | C2 | 13 % |
| 37 | RLB NÖ-Wien | C2 | 9 % |
Selbst die Spitze bleibt weit unter dem, was man von einer verbrauchernahen Information erwarten würde. 30 % Lesbarkeit ist „bester Wert im Feld“ – nicht „gute Sprache“.
Einordnung: Warum AGB so schwer lesbar sind
- Juristische Absicherung dominiert über Verständlichkeit – oft zulasten der Leserschaft.
- Extrem lange Sätze (bis 90 Wörter) überfordern das Arbeitsgedächtnis.
- Nominalstil und Passiv entziehen dem Text Handlung und Klarheit.
- Schachtelungen und Verweise erzwingen Mehrfachlesen.
- Kaum redaktionelle Übersetzung – AGB werden verfasst, selten für Laien aufbereitet.
Das bedeutet nicht, dass Banken auf Rechtssicherheit verzichten müssten. Es bedeutet: Rechtliche Prüfung bleibt Aufgabe der Juristen – Klarheit bleibt Aufgabe der Sprache. Beides ist organisierbar.
Was sich ändern müsste
- Zielniveau definieren – z. B. B2 für Verbraucher-Kernttexte, mit juristisch geprüften Vereinfachungen.
- Satzlängen deckeln – harte redaktionelle Leitplanken statt „so lang wie nötig“.
- Layered Information – Kurzfassung in klarer Sprache, Detail und Rechtsgrundlage darunter.
- Testen mit echten Kundinnen und Kunden – nicht nur interne Freigabe.
- DACH-Lernen – Schweizer Spitzenwerte sind relativ besser, aber noch kein Vorbild für B2.
Methode
- Sprachniveau nach GER über Satzlänge und Wortgebräuchlichkeit.
- Lesbarkeitsindex 0–100 (Satz-/Wortlänge, Passiv, Perfekt, Substantivierungen).
- Bei Gleichstand zusätzlicher Flesch-Reading-Ease.
- Gegenstand: Allgemeine Geschäftsbedingungen großer Banken in DE, AT und CH.
Fazit
Druck durch Regulierung und öffentliche Debatte wächst. Die Vermessung von 37 AGB zeigt: Fast niemand ist auf B2 vorbereitet. Raiffeisen Schweiz führt mit 30 %, Österreich schließt ab, Deutschland liegt im Mittelfeld – allesamt im C2-Keller. Vereinfachung ist machbar. Wer jetzt misst und umschreibt, gewinnt Zeit vor 2025. Wer wartet, riskiert, dass Unverständlichkeit zum Compliance- und Vertrauensproblem wird.
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