Studie · Gesundheit

Studie Im Auftrag von EXELERA

Wie patientenfreundlich erklären Praxen ästhetische Leistungen im Netz?

1.004 Leistungsseiten aus 11 Großstädten: Keine Praxiskohorte erreicht im Schnitt gute Verständlichkeit – Fachjargon trifft auf Marketing-Sprech.

24. Mai 2024 · Eine Untersuchung der WORTLIGA-Redaktion

In Kooperation mit EXELERA hat WORTLIGA 1.004 Leistungsseiten aus 11 deutschen Großstädten untersucht. Der Befund ist branchenweit: Digitale Patienteninformation in der ästhetischen Medizin bleibt zu schwer, zu jargonlastig und oft werblich verzerrt. Stand: 24. Mai 2024.

Gute Medizin beginnt lange vor der Behandlung – beim ersten, oft digitalen Kontakt. EXELERA (Dr. Alexandra Ogilvie und Dr. med. Dominik von Lukowicz, Fachärzte für Plastische und Ästhetische Chirurgie) hat die Studie in Auftrag gegeben, weil unklare Online-Aufklärung Patientinnen auf Social Media abdrängt – oft mit mangelhafter Information.

Vorwort der Auftraggeber

„Die erfolgreichen Praxen der Zukunft sind diejenigen, die ihre Leistungen verständlich erklären. Kürzere Sätze, aktive Verben und der Verzicht auf unnötigen Fachjargon bauen Hürden ab und Vertrauen auf.“ – EXELERA

Executive Summary

Der durchschnittliche WORTLIGA-Score aller Seiten liegt bei 47 Punkten (0–100). Optimal für professionelle, laienverständliche Texte: 60–70. Alle 11 Standort-Kohorten liegen im Korridor 40–49 – Sprachniveau oft C1/C2. Es gibt keine grüne Exzellenz-Region.

Sechs zentrale Erkenntnisse:

  1. Branchenweites Defizit – keine Kohorte im gut verständlichen Bereich.
  2. Systemisches Problem – Abstand München (49,7) zu Bremen (43,5) nur 6,2 Punkte; σ ≈ 1,9.
  3. Fachjargon + Marketing – Risiken im Nominalstil und Passiv, Ergebnisse in emotionaler Werbesprache.
  4. Risiken verharmlost – Nebenwirkungen in Kurz-FAQs und „Quickfacts“ optisch abhakbar.
  5. SEO-Druck – Keyword-Stuffing (Behandlung + Ort) zerstört den Lesefluss.
  6. Therapie diktiert Lesbarkeit – Botulinumtoxin oft verständlicher als Laser und Hyaluron.

Standort-Ranking

# Stadt Score
1 München 49,7
2 Hamburg 49,3
3 Berlin 49,0
4 Stuttgart 47,7
5 Essen 47,5
6 Köln 47,3
7 Dortmund 47,1
8 Düsseldorf 46,3
9 Frankfurt 45,1
10 Leipzig 44,7
11 Bremen 43,5

Top-3-Ø 49,3, Bottom-3-Ø 44,4. Median 47,3, Interquartilsabstand nur 3,9 – 50 % der Kohorten liefern nahezu identisch schwache Werte. Score-Verteilung der Standorte: 100 % im Band 40–49, 0 % ab 50, 0 % ab 60.

Datenvolumen nach Stadt (Auszug)

Stadt Leistungsseiten Wörter (ca.)
Düsseldorf 173 187.000
München 180 172.000
Berlin 156 133.000
Hamburg 109 96.000
Frankfurt 80 88.000
… … …
Essen 25 17.000

Leistungen: Botulinumtoxin (Falten, Bruxismus, Hyperhidrose, Migräne), Hyaluron-Filler (Volumen, Jawline, Lippen), Laser (Haarentfernung, Rosazea, Narben, Pigmente, Tattoo).

Was die Sprache verrät

Nominalstil, Passiv, SEO

Drei handwerkliche „Krankheiten“ dominieren:

  1. Nominalstil – „Durchführung der Faltenbehandlung“ statt „Wir behandeln Ihre Falten“.
  2. Passiv – „Das Hyaluron wird injiziert“ schafft Distanz statt Verantwortung.
  3. Keyword-Stuffing – Wiederholung von Behandlungsname + Ort statt Pronomen und Synonymen.

Die durchschnittliche Satzlänge liegt bei rund 13,5 Wörtern – mit starken Ausschlägen nach oben. Typisch sind Schachtelsätze mit 30–40 Wörtern, Klammern und mehreren Bedingungen in einem Atemzug.

Problematisch (38 Wörter, Passiv, Einschübe):
„Durch die Injektion des Toxins kann insbesondere im Stirnbereich … die Aktivität der Muskeln reduziert werden, so dass die entsprechenden Falten nahezu vollständig verschwinden.“

Besser:
„Wir injizieren das Toxin gezielt in Stirn, Zornesfalte oder Krähenfüße. Das entspannt Ihre Muskeln. Die Falten verschwinden nahezu vollständig.“

Emotion vs. Risiko

Bei Ergebnissen dominieren Adjektive wie frisch, natürlich, jugendlich. Natürlich ist das Leitwort der Branche – gegen die Angst vor unnatürlichen Resultaten. Der Ausgangszustand wird oft pathologisiert (müde, streng, traurig). Bei der Behandlung selbst wechseln die Texte abrupt zu erfahren, sicher, präzise, minimal-invasiv.

Risiken erscheinen selten in Schachtelsätzen. Stattdessen: kurze Sätze, Bullet-Points, FAQ – optisch übersichtlich, inhaltlich oft verharmlost (klein, leicht, minimal + sofortige Relativierung).

Therapieform entscheidet mit

  • Botulinumtoxin: oft die verständlichsten Texte – klares Wirkprinzip (Muskel entspannt → Falte glättet sich).
  • Laser / Hyaluron: häufiger Physik- und Medizin-Vorlesungen, dichter Jargon, sinkende Scores.

Methode

Element Beschreibung
Umfang 1.004 algorithmisch erfasste Leistungsseiten
Qualitativ 300 Seiten in der semantischen Tiefenanalyse
Metrik WORTLIGA-Score 0–100 inkl. Passiv, Nominalstil, Füllwörter, Floskeln, Wiederholungen
Zielkorridor 60–70 für laienverständliche Fachtexte
Städte 11 Großstädte / Ballungsräume

Technische Ausfälle (404 o. Ä.) unter ca. 3 % – ohne Einfluss auf die Kernaussagen.

Empfehlungen für Praxen

  1. Patient, nicht Kollege und nicht nur SEO – B1/B2 als Zielniveau.
  2. Ein Gedanke pro Satz – Schachtelsätze an logischen Bruchkanten trennen.
  3. Aktiv und persönlich – „Wir injizieren“ statt „es wird injiziert“.
  4. Jargon übersetzen – Fachbegriff nur, wenn erklärt.
  5. Risiken ehrlich und lesbar – nicht verstecken, nicht bagatellisieren.
  6. Keyword-Dichte drosseln – Lesefluss vor Ranking-Tricks.

Fazit

Patientinnen suchen online Orientierung. Unklare Leistungsseiten erzeugen Unsicherheit und treiben die Recherche in Kanäle ohne ärztliche Verantwortung. Die Homogenität der schwachen Scores zeigt: Es geht nicht um einzelne „schwarze Schafe“, sondern um einen Branchenstandard, der hinterfragt werden muss. Verständliche Praxiswebsites sind Aufklärungspflicht und Vertrauensvorsprung zugleich.

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